Wo die Edlen Pferde wohnen

20090917083003_DSC_2128-3Im Park des niedersächsischen Schlosses zu Bückeburg, der Residenz Alexanders Fürst zu Schaumburg-Lippe, befindet sich der Marstall der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg. Hier werden wir Zeuge wiederbelebter barocker Pracht und vollendeter Harmonie.

Die Erste Oberbereiterin und Direktorin Christin Krischke begrüßt uns im barocken Reitkostüm lächelnd am Eingang des Marstalls. Von Andalusiern über Lusitanos, Lipizzanern, Berbern, Geneten oder Knabstruppern schauen uns insgesamt 18 Hengste neugierig entgegen, als wir den Stall betreten. „Wir befinden uns hier im Herzen der Hofreitschule“, erklärt Christin Krischke. „Der Marstall wurde 1609 gebaut und nach einem Brand um 1900 mit neuen Boxen versehen. Vor unserem Einzug im Jahr 2004 haben wir aus zwei Boxen jeweils eine gemacht, um den Komfort für die Tiere zu erhöhen. Heute befindet sich hier neben den Pferden auch das Marstallmuseum“.

Vom Westernstil zum Barockpferd

Die Vision der Hofreitschule trugen die gebürtige Berlinerin und ihr Mann, Hofreitmeister Wolfgang Krischke, schon lange mit sich. „Wolfgang und ich lernten uns kennen, als ich auf der Suche nach meinem ersten eigenen Pferd war. Ich bekam ein Pferd und er eine Frau“, lächelt Christin Krischke. „Damals ritten wir unsere Pferde noch im Westernstil, haben uns aber nie festgelegt und nutzten auch schon die Seitengänge“, erinnert sich die Direktorin der Hofreitschule. Von den zunächst gerittenen Arabern und Quarterhorses wechselten Christin und Wolfgang Krischke dann nach und nach zu den Barockpferden. „Wir interessierten uns schon lange für die Berber-Rasse. Darüber gab es Anfang der 90er aber kaum deutschsprachige Informationen. In französischer Literatur haben wir dann einiges darüber gefunden, was uns nur noch neugieriger auf die Pferde Nordafrikas machte.“

1990 reisten Christin und Wolfgang Krischke zum ersten Mal nach Südfrankreich. „Nicht nur Andalusier, sogar Berber haben wir dort gefunden“, freut sich Christin Krischke rückblickend. Zwei Berber und einen Andalusier brachten sie zunächst aus Frankreich nach Deutschland, weitere Pferde von dort sollten folgen. Aber bald schon reisten sie nach Tunesien, Algerien und Marokko, um die Pferde in ihrer Heimat auszusuchen.

Eine Vision wird Wirklichkeit

Eine Boxentür schwenkt auf und Wolfgang Krischke kommt mit dem goldglänzenden Lusitanohengst Odeceixe auf uns zu und lädt uns ein, ihm ins Reithaus zu folgen. Vorbei am Schlosstor von 1610 betreten wir das ebenso alte Gemäuer
des historischen Reithauses. „Wir hatten schon lange den Traum, irgendwann einen Ort zu haben, an dem wir unsere Reitkunst vor authentischer Kulisse präsentieren können“, erklärt Christin Krischke. Über acht Jahre suchten sie nach einer
geeigneten Anlage. Dass es nun so unmittelbar vor der Haustür gelungen ist, bezeichnet Christin Krischke als absoluten Glücksfall. „Als der örtliche Reitverein sich auflöste und die Gebäude frei wurden, haben wir dem Fürsten unser Konzept vorgestellt – nun sind wir seine Mieter.“

Barocke Reitkunst ohne Zwang

„Mit unserer Reiterei möchten wir eine Botschaft transportieren“, erklärt Wolfgang Krischke, der sich mit Odeceixe im spanischen Schritt gerade elegant an uns vorbei bewegt. Während der Hengst in Übergängen aus Passage und Piaffe tänzerisch durch die Bahn schwebt, ergänzt Christin Krischke: „Wir sind ständig auf der Suche nach der völligen Harmonie zwischen Pferd und Reiter. Unsere Interpretation der alten Meister dürfte dem Original sehr nahe kommen, doch wir sind sanfter und pädagogischer. Zur Reitkunst setzt man besonders hochbegabte Pferde ein, mit denen man völlig ohne Zwang arbeitet.“

Völlig ohne Zwang? „Nun ja“, fügt sie nach einer kurzen Gedankenpause hinzu, „ein übermütiger Junghengst muss auch einmal in seine Schranken gewiesen werden, sonst wäre unsere Arbeit einfach zu gefährlich. Solche Zurechtweisungen erfolgen in der Hofreitschule grundsätzlich in Gegenwart anderer Bereiter, damit jeder den eventuellen Jähzorn im Zaume hält und die Maßnahmen kurz, einprägsam und sachlich erfolgen. Dabei könnte uns jeder Außenstehende zusehen, er würde nichts Gewaltsames daran finden.“

Im Galopp wird die Besonderheit der barocken Reitkunst besonders deutlich. Der Lusitano springt in erhabenen, kadenzierten Sätzen und vermittelt das Gefühl, ständig zu Pirouetten bereit zu sein. Aber „wir können von einem Pferd nur das verlangen, was es aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen zu leisten in der Lage ist“, macht Christin Krischke deutlich. „Setze ich ein Pferd unter Zwang, verkrampft es sich. Wiederhole ich diesen Fehler, entstehen langfristig Verspannungen. Oft beobachte ich, dass der Zwang durch den Reiter dann noch erhöht wird. Es entsteht ein Teufelskreis. Hilfszügel verschlimmern diese Probleme zusätzlich. Was wir hier in der Hofreitschule aufbereiten ist die Weisheit aus 250 Jahren höchster Reitkultur, wir zeigen Wege auf, wie jeder durch Änderung seiner eigenen Geisteshaltung den Pferden gerechter werden kann.“

Die hohe Kunst des Reitens

Mittlerweile hat sich ein Grauschimmel zu unserem Palomino gesellt. Oberbereiterin Diana Krischke, die Tochter unserer Gastgeber, reitet ihren neunjährigen Lipizzanerhengst Maestoso Amata. Es beginnt mit „Warmbiegen“, denn in der Hofreitschule trabt man nicht warm, sondern dehnt langsam die Muskeln durch Seitengänge im langsamen Schritt. Währenddessen hat sich Odeceixe in Courbetten begeben, ein schaukelnder Galopp im Zweitakt, die auffälligste Gangart, die uns bis jetzt vorgeführt wurde. „Mit Kunstgangarten sind keine künstlichen Verrenkungen gemeint, es sind Veredlungen, kunstvolle Sublimierungen der natürlichen Gänge der Pferde. Piaffe und Passage gehören auch dazu“, erklärt die Direktorin der Hofreitschule. „Im Zeitalter des Barock wurde vieles zur ‚Kunst‘ erhoben: Das Singen wurde zur Oper, Tanzen zum Ballett und das Reiten wurde zur Reitkunst. Es galt als besonders ‚erhebend‘, wenn man auf seinem Pferd eine gute Figur machte. Man erreichte Ansehen in der Gesellschaft des Adels, wenn man ein besonders gutes Pferd hatte, welches den Reiter schön und edel aussehen ließ. Diese Harmonie, die Versammlung und Leichtigkeit, die das Bild des barocken Reiters prägt, kann man nicht mit Zwang erreichen.“

In der Hofreitschule werden alle Pferde selbst ausgebildet. Christin und Wolfgang Krischke werden dabei von ihrer Tochter Diana unterstützt. Ob es bei so viel geballter Family-Power nicht auch einmal Reibereien gibt? Christin Krischke lächelt: „Wenn es um die Pferde geht, sind wir uns immer einig: Die sanfteste und effektivste Methode ist die Beste. Auch wenn wir reiten und uns gegenseitig Tipps geben ist das in Ordnung“, meint Christin Krischke und empfiehlt ihrer Tochter, den Lipizzaner mit der Touchiergerte hinter dem Sattelgut zu berühren, um ihn in der Passage an das Anheben des Brustkorbes zu erinnern – was diesen sofort noch anmutiger durch die Halle schweben lässt. Im Park des niedersächsischen Schlosses zu Bückeburg, der Residenz Alexanders Fürst zu Schaumburg-Lippe, befindet sich der Marstall der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg. Hier werden wir Zeuge wiederbelebter barocker Pracht und vollendeter Harmonie.

  • Die Gewinner stehen fest!
  • Mon, 19 Jul 2010 00:00:00 GMT
  • In der Nacht vom 15. zum 16.07. war es soweit - die letzte Chance zum einsenden eines Fotos für den diesjährigen Fotowettbewerb. Mit 180 Fotos war die Teilnahme in diesem Jahr besonders groß und insbesondere die Qualität...
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