Die Wette ging um 25.000 Dollar - auch für einen Millionär wie Leland Stanford keine Kleinigkeit. Hat ein Pferd beim Trab oder Galopp zeitweilig alle vier Hufe in der Luft? Das war die Frage und beantwortet wurde sie von einem Fotografen: Eadweard Muybridge, dem "Erfinder" der Serienfotografie.
Seltsames ging vor sich an diesem Sommertag des Jahres 1872 in Palo Alto auf der privaten Rennbahn von Leland Stanford, dem Ex-Gouverneur von Kalifornien: Von überall her wurden weiße Leintücher gebracht, die man sich von den umliegenden Anwohnern des Rennplatzes ausgeliehen hatte. Mit diesen Tüchern wurde die Bahn ausgelegt und der Hintergrund behängt, sodass die Augen von dem blendenden Weiß in der strahlenden Sonne Kaliforniens schier geblendet wurden. Der Zweck der Übung: die fotografische Aufnahme eines galoppierenden Pferdes in seinen verschiedenen Bewegungsphasen.
Leland Stanford, 8. Gouverneur des Staates Kalifornien und einer der reichsten Männer seiner Zeit, war ein Pferdenarr. Sein Vollblutgestüt mit über 200 Pferden war weithin berühmt, auf seinem Rennplatz in Palo Alto starteten einige der besten Galopper und Traber ihrer Zeit. Ob es die berühmte Wette nun wirklich gegeben hat oder nicht - Stanford war auf jeden Fall über die Maßen daran interessiert, die verschiedenen Gangarten des Pferdes exakt darzustellen. Nicht zuletzt aus einem sehr pragmatischen Grund: Als Rennstallbesitzer versprach er sich von diesem Wissen Aufschlüsse darüber, wie er seine Pferde zu optimaler Kondition bringen, insbesondere, wie er seinen Weltklassetraber "Occident" auf der Rennbahn noch erfolgreicher machen könne.
Im Jahr 1872 beauftragte Stanford Eadweard Muybridge, den damals bekanntesten Fotografen der Westküste, per Fototechnologie festzustellen, ob ein galoppierendes Pferd immer mindestens einen Huf am Boden oder ob es kurzzeitig alle vier Hufe in der Luft hat.
Heute wäre diese Frage ganz einfach per Video oder auch mit einer ganz normalen Kamera zu lösen. Damals aber war die Sache schwieriger: Für eine Landschaftsaufnahme, bei der sich ja nun nichts bewegt, brauchte eine der damaligen Plattenkameras eine Belichtungszeit von etwa zehn Sekunden. Unmöglich, so die Bewegungen eines galoppierenden Pferdes einzufangen.
Muybridge experimentierte mit verschiedenen fotografischen Emulsionen, entwickelte einen der ersten funktionierenden Kameraverschlüsse und baute dann seine Versuchsstrecke in Palo Alto auf. Das Wichtigste: Er brauchte Licht, sehr viel Licht und gute Kontraste. Deshalb die weißen Leintücher. Sie machten es möglich, das galoppierende Pferd vor einem weißen Hintergrund auf einer weißen Rennbahn zu fotografieren.
Entlang der Bahn baute Muybridge seine Plattenkameras auf, die die Bewegungen des Pferdes in Einzelbildern festhalten sollten. Sie wurden von über das Geläuf gespannten "Reißleinen" ausgelöst, sobald das Pferd diese beim Darübergaloppieren zerriss. Es funktionierte! Unscharf zwar, aber deutlich war zu sehen: Sowohl beim Galopp als auch beim Trab gab es eine Schwebephase, bei der alle vier Hufe ohne Bodenkontakt waren. Muybridge hatte erstmals den sichtbaren Beweis dazu erbracht. Leland Stanford hatte seine Wette gewonnen.
Ob Stanford die Leistungen seiner Pferde damit verbessern konnte, ist nicht belegt. Aber Muybridge wurde mit diesem Experiment zum Pionier der Serienfotografie. Er analysierte die Bewegungsabläufe der Gangarten nicht nur bei Pferden, sondern auch bei anderen Vierbeinern und veröffentlichte seine Studien 1887 in elf Bänden mit über 100.000 Aufnahmen unter dem Titel: "Animal Locomotion. An Electro-Photographic Investigation of Consecutive Phases of Animal Movement" - auch heute noch ein Standardwerk.
Amasa Leland Stanford(* 9. März 1824; † 21. Juni 1893 in Palo Alto, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Eisenbahn-Unternehmer, Politiker und Begründer der Stanford University. |
Eadweard Muybridge(* 9. April 1830; † 8. Mai 1904), gilt aufgrund seiner Reihenfotografien und Serienaufnahmen mit Studien des menschlichen und des tierischen Bewegungsablaufs als einer der bedeutendsten frühen Vertreter der Chronofotografie. |