Das ganze Jahr über in der Sonne, den ganzen Tag arbeiten mit Pferden: für viele ein Traumjob. Aber kein Job für Träumer, sondern oft harte Arbeit. Im Team des Weltklasse-Gespannfahrers Tucker Johnson reiste Sieglind Graff zwei Jahre durch die USA.
Nennen Sie mich Siggi. Kein Mensch sagt Sieglind zu mir. In den USA kann man das noch nicht einmal richtig aussprechen." Siggi Graff lacht und tätschelt den Hals von »Williams«, eines von Tucker Johnsons Pferden, die im Fahrzentrum Christinenhof in Neu-Isenburg beim mehrfachen Weltmeister Michael Freund auf die Fahrer-WM vorbereitet werden. Hier hat es auch angefangen, ihr USA-Abenteuer, vor nun ziemlich genau zwei Jahren.
Siggi Graff ist passionierte Reiterin. Mit vier Jahren begann sie im dörflichen Reitverein mit dem Voltigieren. Mit sechs bestritt sie die ersten kleinen Turniere, mit elf erhielt sie ihr eigenes Pferd. Sie nahm bei den Junioren als Vielseitigkeitsreiterin an den Deutschen Meisterschaften teil und wurde zwei Mal Deutsche Meisterin bei den Studentenmeisterschaften in der kombinierten Wertung. 2006 konnte sie zusammen mit dem deutschen WM-Team bei den Studentenweltmeisterschaften in Frankreich die Silbermedaille erringen.
Zu dieser Zeit jobbte Siggi Graff in den Semesterferien im Reitstall von Michael Freund. Unter anderem betreute sie Pferde von Tucker Johnson, der so auf sie aufmerksam wurde. "Es muss ihm wohl gefallen haben, wie ich mit seinen Pferden gearbeitet habe, auf jeden Fall fragte er, ob ich Lust hätte, in den USA in seinem Team zu arbeiten", erinnert sich Siggi Graff. Lange musste sie ihren Entschluss nicht überdenken. "Die USA von ganz nah kennenlernen, meine Sprachkenntnisse vervollkommnen, bei einem Weltklassefahrer wie Tucker Johnson zu arbeiten - das war keine schwere Entscheidung."
Eines musste sie vor ihrer Abreise in die USA noch lernen: das Fahren mit dem Gespann. Eine völlig neue Erfahrung, die Pferde statt im Sattel vom Kutschbock aus zu führen. In einem zehntägigen Crashkurs lernte sie bei Michael Freund ein- und zweispännig Kutsche zu fahren. Der größte Unterschied für die Reiterin: "Zwischen Reiter und Pferd besteht beim Fahren kein direkter körperlicher Kontakt. Gewicht und Schenkelhilfen kann man nicht einsetzen, nur die Stimme, die Leinen und die Peitsche. Darauf muss man sich erst einmal einstellen."
Ende September stößt Siggi Graff in New Jersey zum Team von Tucker Johnson - und reist auch schon wieder ab, nach Florida, ins Winterquartier der Fahrpferde. Sie ist nicht allein, der ganze Betrieb von Tucker Johnson ist ständig unterwegs - einschließlich einem transportablen Stallzelt mit festen Boxen, Futterkammer und Büro.
Die Umzugskarawane besteht aus einem riesigen Truck, in dem neun Pferde, drei Kutschen und weitere Ausrüstung untergebracht sind, einem Pick-up und noch ein paar kleineren Fahrzeugen. "Im Prinzip sind wir immer der Sonne hinterhergereist", erzählt Siggi Graff. "Unser Stammquartier war die Cedar Lane Farm in New Jersey, eine alte, geschichtsträchtige Farm im Besitz der Johnson Family. Hier sind im ehemaligen Kuhstall - jetzt ein modern eingerichteter Pferdestall - die Turnierpferde Tucker Johnsons untergebracht. Von hier aus ging"s im November ins Winterquartier nach Florida, mit allen Pferden und - da in Florida u. a. wegen der Hurricangefahr kein fester Stall existiert -mit dem kompletten Stallzelt. Im Frühjahr wurde wieder in New Jersey trainiert, währenddessen zog das Stallzelt um nach Montana. Wir folgten mit den Pferden im Sommer, dann im Herbst zurück nach New Jersey und im Winter erneut nach Florida - natürlich wieder mit dem ganzen Stall. Das ist schon eine Riesenarbeit, die das Team da zu bewältigen hatte. Aber ich habe so unheimlich viel vom Land zu sehen bekommen."
Immer unterwegs - aber diese Umzüge waren natürlich nicht die eigentliche Arbeit, für die Siggi Graff in die USA gekommen war. Die beginnt jeden Tag um sieben Uhr mit dem Füttern und Ausmisten des Stalls. Dann geht"s los mit dem täglichen Trainingsprogramm. Bei neun Pferden ist dabei reichlich zu tun. Ein- und zweispännig fahren hat Siggi Graff zwar gelernt, aber das eigentliche Fahrtraining als Vorbereitung für die Turniere ist nicht ihre Aufgabe. Sie betreut die Pferde als Bereiterin. Anders als im Gespann kann mit einem Tier so auch individuell gearbeitet werden. Auch beim Fahren werden zum Beispiel Dressurprüfungen abgelegt, "die Details kann man unter dem Reiter individueller einüben, als beim Fahren mit dem Vierergespann", erklärt Siggi Graff.
Auf die Weide und zurück, mittags und abends füttern, die Pferde säubern - es sind immer ausgefüllte Tage für Siggi Graff in New Jersey, Florida oder Montana. Bei den abendlichen Besprechungen wird der Tag noch einmal rekapituliert: Was war O. K., was ist aufgefallen, was sollte man beim Training ändern? Ist das Futter optimal abgestimmt oder muss etwas umgestellt werden? Sind die Tiere gesund und in Topform, wie könnte das optimale Gespann für das nächste Turnier aussehen? Dann noch der "Papierkram", die Nennungen zu den Turnieren, Absprachen mit dem Tierarzt, Zusammenstellung der Gesundheitszeugnisse und der Impfpapiere, wenn Pferde zu Turnieren ins Ausland geflogen werden.
"Über Leerlauf konnte ich mich wirklich nicht beklagen", lacht Siggi Graff, "Arbeit gab es reichlich. Es gab Tage, da war ich abends echt geschafft. Aber es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Ich bin von Tucker Johnson und dem Team von Anfang an sehr herzlich aufgenommen worden, ich konnte Verantwortung übernehmen, die Zusammenarbeit war von einem großen Vertrauen untereinander geprägt. Aus dem ursprünglich geplanten einen Jahr sind denn auch zwei geworden. Zwei Jahre, an die ich mich immer wieder gerne zurückerinnern werde."
KURZINFO: Im Team von Tucker Johnson war Siggi Graff unter anderm auch für die Ernährung der Pferde verantwortlich. Ihr Tipp für Hobbyreiter: Nicht zu viel und zu energiereich füttern.
Siggi Graff: Sowohl beim Fahr- als auch beim Reitpferd hat die Ernährung eine große Bedeutung für das körperliche und seelische Wohlbefinden des Tieres. Wichtig ist, dass die Fütterung im richtigen Maß zur Bewegung des Pferdes steht. Für jedes Pferd wird das Futter deshalb individuell zusammengestellt, mehr oder weniger energiereich, mit speziellen Mineralstoffen. Wie bei jedem Sportler wird die Ernährung für jedes Turnierpferd in Abstimmung mit den Tierärzten optimal auf die jeweilige Situation abgestimmt.
Turnierpferde, die im täglichen Training stehen, benötigen ein anders zusammengestelltes Futter als Freizeitpferde, die nur gelegentlich geritten werden. Bei diesen steht nicht die Leistungsoptimierung im Vordergrund, man sollte hier eher darauf achten, dass die Tiere nicht zu "dick" gefüttert werden.